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vom frauen forschen leben in niederösterreich
Symposium des Verbands feministischer Wissenschafterinnen, VfW-NÖ-Gruppe
 
Am 27. Mai 2003 veranstaltete die VfW-NÖ-Gruppe die zweite Tagung der österreichweiten VfW-Symposiumsreihe in der St. Pöltener Landesbibliothek, an der mehr als 30 Wissenschafterinnen teilnahmen.

Verwirklicht wurde das Symposium vom frauen forschen leben in niederösterreich von Gertrude Eigelsreiter-Jashari, Angelika Hofmann, Katharina Prinzenstein, Sabine Prokop, Heide Studer und Melanie Zeller und mit einem auch diesmal von Jo Schmeiser grafisch gestalteten Folder beworben. Es bot einen inspirierenden Rahmen für Wissenstransfer, Diskussionen und Vernetzung. Wie so oft war die Finanzierung problematisch, was auch für die nächsten geplanten Veranstaltungen in Vorarlberg und Salzburg zu befürchten ist.

Im ländlichen Raum Niederösterreichs werden die Zielsetzungen des Verbands besonders relevant: Da es in Niederösterreich nur wenige Forschungsstellen gibt, sind die Wissenschafterinnen auf ungesicherte Projektarbeiten angewiesen, was eine kontinuierliche berufliche Aufbauarbeit verunmöglicht. Die Wissenschafterinnen sind entweder finanziell abgesichert oder forschen neben der Ausübung eines Broterwerbs. Einige arbeiten "verdeckt feministisch" zu unterschiedlichen Themen. Last but not least finanzieren einige ihre wissenschaftliche Arbeit über EU-Mittel, den Bund oder Universitäten. Angesichts dieser Lage gilt es, neue Wege der Anerkennungspolitik innerhalb des Bundeslandes zu finden und regen Austausch mit Kolleginnen zu ermöglichen.

Den ersten Beitrag zum Status Quo brachten Gertrude Eigelsreiter-Jashari, Marietta Schneider und Katharina Prinzenstein in Form eines Diskussionsterzetts, einer von Katharina Prinzenstein eigens für dieses Symposium entwickelten Form der Diskussion, einer spezifischen Mischung aus ‚komponierter’ und ‚improvisierter’ Wechselrede im Kreis. Nach weiteren Inputs von Heide Studer und Anneliese Erdemgil-Brandstätter zum Themenkreis Forschen & Leben in Niederösterreich wurden die angeschnittenen Themen in vier Kleingruppen ausdifferenziert.

Wenn etwa Fachhochschulen von Schwierigkeiten berichten, Frauen für Lehre und Forschung zu finden, dann stellt sich auch hier die Frage, wer definiert, was geforscht wird. Welche Daten werden wie erforscht? Welche Bedeutung werden ihnen zugeschrieben? Erfahrungsgemäß werden jedoch Wissenschafterinnen bereits aufgrund mangelnder Anbindung an (institutionalisierte) Produktionsstätten für die Fachhochschullehre des Öfteren abgelehnt.

Das weitgehende Fehlen von feministischer Forschung bedeutet für die "freien" Wissenschafterinnen gleichzeitig aber auch, selbst bestimmen zu können, was feministische Forschung in Niederösterreich heißen könnte. Durch die Selbstdefinition als feministische Wissenschafterin wird es allerdings schwierig, sich sichtbar zuzuordnen bzw. Resonanz zu finden. Heide Studer vergleicht das Verhalten der Wissenschafterinnen mit einem Fächertanz: "Wie viel und was ist wann gut zu zeigen?"

Für die Nutzbarmachung bzw. Verwendung von Wissenschaft in der Praxis ist es neben virtuellem Informationsaustausch, der an das Tun in Gruppen gebunden werden muss, wichtig, in eben diesen Gruppen disziplinenübergreifend Erfahrungen zu teilen und aktuelle Entwicklungen zu diskutieren. Grundsätzliche Forderung ist, dass wissenschaftliche Arbeit nicht unbezahlt erfolgen darf, die Ergebnisse dieser Arbeit jedoch auch künftig gratis der Öffentlichkeit zu Verfügung zu stellen sind.

Die Frage nach der politischen Handlungsfähigkeit war ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion. Wie kann die Individualisierung der Feministinnen wieder stückweise rückgängig gemacht werden? Es gilt eine Gratwanderung zwischen frauenbewegter Politik und dem Ringen um Geld zu bewältigen. "Engendering budgets" wäre ein denkbarer Ansatz für künftige Politik. Doch von welcher Politik sprechen wir überhaupt? In den Entscheidungsgremien werden die Interessen derer, die "da" sind diskutiert. Noch immer gilt es für Frauen quasi als unanständig eigene Interessen zu vertreten und nicht die Anderer. Hier mangelt es massiv an positiven Leitbildern. Um das zu ändern muss frau nicht nur Durchsetzungskraft trainieren sondern auch in den Gremien anwesend sein, was eine Veränderung der Rahmenbedingungen und der Kommunikationsstrukturen in diesen Gremien erforderlich macht. Gender Mainstreaming kann sinnvoll und effizient sein um derartige generelle Veränderungen anzugehen. Um ein kompetentes Gender Mainstreaming zu ermöglichen müssen besonders die diesbezüglich geschulten feministischen Wissenschafterinnen rechtzeitig "hier" sagen.

Die politische Situation in Österreich hat bereits massive Auswirkungen gezeigt: so sind fast 90 % der in den Frauenberatungsstelle Kassandra betreuten Frauen von Gewalt betroffen, berichtet Anneliese Erdemgil-Brandstätter (früher waren dies etwa 75 %). Diese Gewalt spiegelt die Zunahme der strukturellen Gewalt in den letzten Jahren wieder. Einen Blick in die gesellschaftliche Realität zu machen hilft auch hier den Betroffenen ihre Individualisierung wieder etwas aufzuheben und lässt sie ihre Situation nicht mehr als eigene Niederlage sehen. Als Fragen bleiben jedoch stehen:
Wie schützen wir uns? Wie können wir miteinander handeln? Voneinander wissen? Einander kennen lernen? Unsere Arbeit gegenseitig wertschätzen?

"Je schärfer die Fragen, um so größer die Stille.
Je leichter die Fragen, um so lauter die Antworten."
(Marietta Schneider).
Sabine Prokop
 
Veröffentlicht in AUF!  Nr. 120 / Juni 2003
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